Schicksal der Auswanderer - Gemeinde Mastershausen

Das Schicksal der Auswanderer (E. Schug/U. Christ)

Hoffnung auf ein besseres Leben

Not und Elend herrschte im Leben der Hunsrücker im 19. Jahrhundert. Extrem lange Hitze- und Trockenperioden hatten Missernten zur Folge. Auch wurde unser Landstrich von einer Mäuseplage heimgesucht, die große Schäden am Saatgut verursachten. Durch die plötzlich auftretende Kartoffelfäule minderte sich die Ernte und auch das Pflanzgut, so dass das Hauptnahrungsmittel, die Kartoffel, den Menschen nicht mehr zur Verfügung stand. Die katastrophale Missernte zog eine große Hungersnot nach sich. Hunger und Elend begünstigten Krankheiten und in diesen Jahren stieg die Sterberate, vor allem bei kleinen Kindern und alten Menschen, auf ein Vielfaches.

Die schlechte wirtschaftliche Lage der Menschen war nicht nur bedingt durch die Missernten. Eine weitere Ursache war das Erbrecht. Seit Generationen wurde der gesamte Besitz unter den zahlreichen Nachkommen aufgeteilt, so dass den Familien immer mehr die Lebensgrundlage entzogen wurde. Einzige Erwerbsquelle war die Landwirtschaft und durch das Teilen der Ackerfläche wurden die Felder von Generation zu Generation immer kleiner, so dass letztendlich nur noch winzig kleine Parzellen zur Bewirtschaftung und Ernährung einer großen Familie übrig blieben.

Viele Menschen sahen sich gezwungen ihre Familie und ihr Dorf verlassen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie mussten „dienen“ und als Magd oder Knecht auf einem anderen Hof arbeiten. Das Entgelt für diese schwere Arbeit bestand in einer kostenlosen Unterbringung und freien Kost. Es wurde kein weiterer Lohn ausgezahlt, Knechte und Mägde erhielten höchstens jährlich neue einfache Arbeitskleidung.

In diesen Zeiten der wirtschaftlichen Not sahen viele nur einen Ausweg aus ihrer katastrophalen Lage. Anfangs entschlossen sich nur wenige Familien oder einzelne Personen zur Auswanderung. In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts entstand eine wahre Auswanderungswelle und geblendet durch Berichte einzelner Auswanderer und Werbeanzeigen von Schiffsagenturen und Agenten entschlossen sich immer mehr Menschen schweren Herzens ihre Heimat zu verlassen.

Während ein Teil der Familien nach Amerika auswanderte, suchten andere eine neue Heimat in Brasilien. Bedenkt man, dass sich in diesen Zeiten die Menschen nur in ihrem engsten Umkreis bewegten, dann lässt sich erst ermessen, welchen ungeheuren Schritt die ausreisewilligen Familien unternahmen. Eine Fahrt nach Koblenz bedeutete eine Weltreise und dann - Brasilien oder Amerika - wurde nur von wenigen, in unausweichlichen Lebenslagen, unternommen.

In Brasilien wurden in der Industrie und Landwirtschaft Arbeitskräfte benötigt und im Jahre 1817 begann die europäische Einwanderungswelle. Für die Besiedlung ganzer Landstriche Brasiliens mit Europäern wurde eigens ein Programm und eine Verwaltungsinstanz eingesetzt, die „Inspetoria da Colonizacao“ unter der Leitung von Monsenhor Miranda.

Für die Ansiedlung der deutschen Familien wurde das Gebiet der Provinz „Rio Grande do Sul“ bestimmt, weil dort das Klima gesünder für Europäer ist und die landwirtschaftliche Nutzung dem Boden, den zu bewirtschaften sie gewohnt waren, ähnlich. Im Umfeld von Porte Alegre gab es zudem noch große Urwaldgebiete, die durch Rodung bearbeitet und bewohnt werden konnten.

Der 25. Juli 1824 ist im Süden Brasiliens ein markantes Datum. Es stellt die Ankunft der ersten deutschen Einwanderer in die damals so genannte Provinz Sao Pedro do Rio Grande dar, dem heutigen brasilianischen Bundesland Rio Grande do Sul.

Rio Grande do Sul ist das südlichste der 16 Bundesländer Brasiliens und liegt um den 30. Breitengrad der südlichen Halbkugel. Dort leben 9,6 Millionen Einwohner. Davon gehen etwa 3 Millionen Einwohner auf deutschstämmige Vorfahren zurück. Rio Grande do Sul umfasst eine Fläche von 282.184 km² und ist damit etwa 28 mal so groß wie Rheinland-Pfalz.

Zurückzuführen ist die Auswanderung nach Brasilien auf die Heirat der Erzherzogin Leopoldine aus dem Hause Habsburg mit dem jungen brasilianischen Kaiser Pedro I am 13.3.1817 in Wien. In Brasilien fanden zu dieser Zeit kriegerische Auseinandersetzungen und Invasionen um die Verteidigung der brasilianischen Grenzen statt. Leopoldine wusste, dass ihre Ahne, Kaiserin Maria Theresia das Gebiet entlang der Donau hatte besiedeln lassen, um der Bedrohung des österreichischen Territoriums durch den Vorstoß der Türken in Richtung Zentraleuropa entgegenzuwirken. Man dachte, dass eine etwas intensivere Kolonialisierung im Süden Brasiliens dazu beitragen könnte, die geopolitische Situation zu festigen. Wo aber die Kolonisten hernehmen? Die napoleonischen Kriege hatten gerade Elend und Not über Deutschland gebracht. Die deutsche Abstammung der Kaiserin führte dann dazu, in Deutschland Kolonisten anzuwerben.

Die brasilianische Regierung lockte mit bezahlter Überfahrt, Verleihung der Bürgerrechte, Vergabe von Land, Versorgung mit Vieh und Steuerbefreiung für einige Jahre. Das Werben hatte Erfolg. Viele Deutsche, vor allem aus dem Hunsrück, dem Rheinland, der Pfalz, Schwaben und Pommern nahmen die Gelegenheit wahr und wanderten in der Folge nach Brasilien aus. Die erste deutsche Siedlung in Brasilien erhielt zu Ehren der Kaiserin den Namen "Sao Leopoldo" und ist heute eine Großstadt.

Major Anton Schäfer, der Brasilien auf einer Weltreise kennen lernte, trat als Werber für die Auswanderung nach Brasilien auf und pries dieses neue Land als ‚Paradies auf Erden’. Die brasilianische kaiserliche Krone unterbreitete durch den Agenten Anton Schäfer den Auswanderungswilligen ein gutes Angebot. Die brasilianische Regierung lockte mit freier Überfahrt, versprach jeder Familie Land als freies Eigentum (160.000 Quadratklafter bzw. 77 Hektar), Versorgung mit dem anfänglich Notwendigsten, Steuerbefreiung für 10 Jahre, Bereitstellung von Werkzeugen und Vieh, Verleihung der Bürgerrechte und Religionsfreiheit. Als einzige Bedingung wurde genannt, dass die Ländereien innerhalb der ersten 10 Jahre nicht verkauft werden durften. Zur Beratung und zum Abschluss von Auswanderungsverträgen wurden auch Vermittler im hiesigen Raum tätig. Dass die Propagandareden und Versprechungen nicht immer ganz der Wahrheit entsprachen, erfuhren die Menschen erst dann, wenn es zu spät war und eine Rückkehr unmöglich. Mit einer Mischung von Traumverwirklichung, Zukunftsvertrauen und vor allem mit der Hoffnung auf ein besseres Leben und eine hoffnungsvolle Zukunft für sich und ihre Kinder zogen die Menschen in ein neues Leben.

In späteren Jahren, schon ab 1830 wurden die finanziellen Hilfen nicht mehr gewährt. Aber auch jetzt folgten in ihrer Not und ihrem Elend viele den Werbeagenten. Manche Dörfer drängten sogar ihre Mitbürger, die mittellos waren und von der Armenhilfe abhängig, zur Auswanderung und verschifften diese auf Gemeindekosten. Auch als die deutsche Regierung unter Bezugnahme auf Berichte über das ungünstige Schicksal einiger Auswanderer Maßnahmen gegen Schäfer und seine Unteragenten einleitete und die Werbung untersagte, ließen sich viele durch die zugesagten Privilegien zur Auswanderung verlocken.

Der Weg in die neue Heimat

Die Menschen verkauften ihren gesamten Besitz und machten sich auf den langen und mühevollen Weg zu den Auswanderungshäfen. Es waren lange Überlandreisen, bei denen sie ihr bewegliches Hab und Gut mitnahmen. Die meisten Überseeschiffe gingen von Hamburg aus die Elbe hinab, während andere von Amsterdam oder Antwerpen aus in See stachen.

In den Hafenstädten mussten die Menschen oft wochenlang auf einen Platz in einem Auswanderungsschiff warten. Da man in keiner Weise auf diesen Massenansturm vorbereitet war, mussten die Menschen mit den primitivsten Quartieren vorlieb nehmen. Krankheiten breiteten sich aus und oft starben die Passagiere schon vor der Abreise. Während die Werbung Brasilien als das Paradies auf Erden ausmalte, so war die Seereise oft die wahrste Hölle. Zusammengepfercht auf engstem Raum von nur 35 cm Breite und 75 cm Länge konnten die Reisenden sich kaum bewegen, geschweige denn lang ausstrecken. Über dem Boden waren zwei nebeneinander liegende Holzbretter befestigt, die 5 Personen Platz zum Schlafen genügen musste, so dass der darunter liegende Raum noch Platz zum Bewegen bot. Meist waren die Menschen im Zwischendeck in engen, dunklen und schlecht belüfteten Räumen untergebracht. Das Essen war spärlich und die Wasserversorgung oft unzureichend.

Tagsüber durften sich die Menschen kurz auf Deck im Freien aufhalten. Bedingt durch die mangelhaften hygienischen Zustände brachen Krankheiten aus und es gab keine Möglichkeit die Kranken gesondert unterzubringen. Verstarb einer der Reisenden wurde der Leichnam, nachdem der Kapitän einen Bibelspruch verlesen hatte, dem Meer übergeben.

 

Ankunft in der neuen Heimat

Die ersten Auswanderer verließen Hamburg im März 1824 und erreichten Rio de Janeiro im Juli. Sie wurden persönlich vom Kaiser Dom Pedro I. und seiner Frau begrüßt, die alle Worte übersetzte. Auch in Porto Alegre, wohin die Reisenden weiter verschifft wurden, wartete man schon begeistert auf die neuen Siedler. Die letzte Reise führte die Menschen nach Sao Leopolde, wo die erste deutsche Siedlung gegründet wurde. Mit der Zeit breiteten sich die Einwanderer immer mehr in Rio Grande do Sul und in den angrenzenden Bundesländern aus.

Heute noch findet man im Süden Brasiliens Dörfer, dort Kolonien genannt, deren Einwohner überwiegend aus Nachfahren deutscher Einwanderer stammen. Nachdem immer mehr Siedler den Weg nach Brasilien suchten, wurden neben Sao Leopoldo weitere Kolonien für die Kolonisation freigegeben. Es waren die Kolonien Feitoria Velha und Estancia Velha. Da die Landvermesser mit ihrer Arbeit wegen dem hohen Zustrom nicht nachkamen, musste zeitweise ein Teil der Einwanderer im Nachbarstaat Santa Catarina angesiedelt werden. Hier war das Klima verträglicher, wenn auch die Bodenqualität nicht so gut war.

Es war nicht das erträumte Land, in das die Siedler kamen und das rief bei einigen anfangs Verzweiflung hervor. 30 bis 40 Kilometer vom Verwaltungssitz entfernt und mitten im Urwald ohne Straßen, Schulen und Kirchen. Die Einheimischen sprachen eine unbekannte Sprache und pflegten fremde Sitten und dazu kam das Gefühl der Verlassenheit und Angst. Angst vor dem undurchdringlichen Urwald mit seinen Gefahren, vor wilden Tieren und der Bedrohung durch die Buger (Indianer), durch Krankheiten, Hunger und nicht zuletzt das Heimweh nach der alten Heimat und den Zurückgebliebenen. Die Menschen kamen nicht in ein Land, in dem „Milch und Honig“ floss, aber doch in ein Land, wo sie sich mit ihrer Hände Arbeit eine Existenz schaffen konnten. Nach der Landvergabe mussten die Kolonisten zugleich mit der Bearbeitung des Bodens beginnen. Mitten im Urwald, ohne Arbeitsmaterial und Verkehrswege waren sie ganz auf sich gestellt. Zuhause dachte man nur an die riesige Landfläche, die jeder Familie als Eigentum zugedacht war, mit dem Begriff „Urwald“ konnte man nichts verbinden. Doch die Menschen hatten keine andere Wahl. Eine Rückkehr war unmöglich und sie begannen kleine Hütten zu bauen und den Urwald zu roden. Anfangs lebten sie in primitiv gebretterten fensterlosen Holzhütten, die lediglich Unterschlupf vor Wind und Wetter und Schutz vor den wilden Tieren des Urwaldes boten. Das Fällen der Urwaldriesen stellte die Menschen vor eine fast unlösbare Aufgabe, die sie mit Hilfe der Einheimischen, mit denen sie sich bald anfreundeten, langsam lösten. Der Urwald war so undurchdringlich und dicht bewachsen, dass die Menschen Jahre brauchten um Flächen zu roden, die sie schließlich bebauen konnten.

Um ihre Hütten legten sie, wie auch zu Hause, kleine Hausgärten an, in denen sie Gemüse anbauten. Die klimatischen Verhältnisse waren so, dass man sogar zwei Mal im Jahr ernten konnte und war der Boden erst einmal gerodet, so konnte man mit guten Ernteerträgen rechnen. Landwirtschaft und Ackerbau waren der Haupterwerbszweig. Bauten die Siedler zunächst landwirtschaftliche Produkte an, Früchte und Getreide, die ihnen von zu Hause bekannt waren, so vertrieben sie nach Jahren auch Naturprodukte, die den Bedürfnissen des Handels entsprachen. War der Urwald erst einmal gerodet, gedieh alles: Orangen, Feigen, Pfirsiche, Apfel- und Birnenbäume, auch konnte Reis, Kartoffeln, Mais, Maniok, Tabak und Zuckerrohr angebaut werden und die Weizen- und Haferernte war ertragreich. Auf den Weideflächen konnten Zucht- und Milchtiere, Pferde, Schafe, Schweine und Ziegen gehalten werden.

Dort, wo sie sich ansiedelten, hinterließen die Menschen ein Zeichen des Fortschritts. Sie waren nicht einfach nur Kolonisten, sie waren auch, abgesehen von der landwirtschaftlichen Arbeit, gute Handwerker. Sie bearbeiteten Eisen, Leder, Holz und Fasern verschiedenster Art. Mit ihrer Arbeit schufen die deutschstämmigen Handwerker die Ausgangsbasis für die Industrialisierung in Rio Grande. Zwei Ereignisse bremsten die Einwanderungswelle für einige Jahre. Zum einen stoppte die Regierung ab 1930 die finanziellen Zuschüsse für die Einwanderungswilligen. Dazu kam die Revolution des Jahres 1835, die „Guerra dos Farrapos“, durch die lange Zeit die Ankunft neuer Siedler verhindert wurde. Auch in den bestehenden Kolonien waren Überfälle, Brandstiftungen und Mord an der Tagesordnung.

 

Brauchtum

Im Siedlungsgebiet Rio Grande do Sul, der südlichsten Provinz Brasiliens, entstammte die Mehrzahl der Einwanderer aus dem Hunsrück und der Pfalz, weshalb das Deutsch, das in diesem Gebiet auch heute noch gesprochen wird, unserem Hunsrücker Dialekt sehr ähnlich ist. Viele deutsche Familien wurden sesshaft und da man sie von Seiten der brasilianischen Regierung sich selbst überließ, bildeten die Einwohner eine starke Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützten und halfen.

Da die Menschen bei ihrer Ankunft keine Schulen vorfanden, gründete jede Siedlung eine eigene Schule, an deren Aufbau sich alle beteiligten. Zunächst unterrichteten besonders befähigte Dorfmitglieder noch unter primitivsten Bedingungen und ohne Lehrbücher die Kinder, die lediglich Schiefertafel und Griffel zur Verfügung hatten. Die Kinder kamen von weit her, das Einzugsgebiet machte vier und mehr Kilometer aus. Die Schulen nutzte man anfangs auch als kirchliche Versammlungsstätten.

Inspäteren Jahren wurden ausgebildete Lehrer aus Deutschland mit der Aufgabe der Unterrichtung betraut, die mit Naturalien bezahlt wurden. Überall in den Schneisen schlossen sich die Siedler zu Kirchengemeinden zusammen. An jedem Ort gab es eine Kirche und einen Friedhof. Die Deutschen haben einen ganz elementaren Beitrag zum Vereinsleben in Rio Grande del Sul geleistet. Da sie relativ isoliert in ihren Kolonien lebten, führten sie ihr Leben so weiter wie sie es von zu Hause aus kannten. Es entstanden Musik- und Theatergruppen, Turnvereine und Gesangsvereine, in denen in nostalgischer Erinnerung an die alte Heimat das heimatliche Brauchtum beibehalten wurde. Den Vereinen muss man eine große soziale Bedeutung zumessen, da die Menschen in großer Entfernung voneinander in der Fremde lebten und in der Gemeinschaft des Vereinslebens in ihrer knappen Freizeit zueinander fanden. Die deutsche Kultur und das Brauchtum hat im Süden Brasiliens einen hohen Stellenwert. So findet man in den heutigen deutschen Kolonien in Rio Grande do Sul und in den Nachbarstaaten Santa Catharina und Parana noch viele Chöre. Praktisch jede deutsche Kolonie (Dorf) hat dort noch einen Männer- oder Gemischten Chor. Gepflegt wird das deutsche Liedgut, insbesondere die deutschen Volkslieder. Tanz- und Trachtengruppen führen deutsche Volkstänze neben den einheimischen Gauchotänzen auf. Diese Volkstanzgruppen gibt es dort für Leute in jedem Alter, von jung bis alt. Blasmusik mit deutschen Liedern ist sehr beliebt. Viele Dörfer haben eigene Radiosender die ganztägig deutsche Blasmusik spielen.

In vielen Orten spricht man in der 6. Generation noch deutsch, allerdings nicht unser hochdeutsch, sondern ‚Hunsrücker Platt’ vermischt mit Begriffen aus der portugiesischen Sprache, der Amtssprache in Brasilien. Man muss sich vorstellen, dass sich in diesen Kolonien die Sprache nicht wie bei uns weiterentwickeln konnte. Hochdeutsch kannte man nicht. Begriffe, die es damals noch nicht gab, wie Auto oder Flugzeug, wurden in Karren oder Luftschiff umgedeutet. Das Deutsche war die Sprache der Einwanderer und erst allmählich lernten sie portugiesisch. Untereinander sprachen sie im Dialekt, einer Vermischung des Hunsrücker Dialekts mit dem Rheinländischen. Sie sind auch heute noch sehr stolz darauf, „hunsbuckeliger“ Herkunft zu sein und „hunsbuckelig zu schwätze“.

Die Menschen arbeiteten hart von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Der Sonntag war, wie auch in der alten Heimat, ein ganz besonderer Tag. Die Gottesdienste und Messen führte alle zusammen. Besonderen Wert legte man bei der Gestaltung auf die Beibehaltung der alten Brauchtümer, Zeremonien und die Pflege des alten Liedgutes. Nicht überall kamen Priester hin und so übernahmen Vorbeter die Leitung der Andachten und Gesänge. Deutsche Jesuitenpadres, die 1859 nach Sao Leopoldo kamen, leisteten den Menschen geistigen Beistand und führten die Kolonisten in Gemeinschaften zusammen, die ebenfalls Vereine genannt wurden. Mit dem Volksverein entwickelten die Jesuiten ähnlich wie Raiffeisen eine in ländlichen Gebieten beheimatete Sparkasse. Der ebenfalls von ihnen gegründete Bauernverein hatte einen großen Einfluss im Arbeits- und Umweltschutz und im Bereich der Gesundheitsfürsorge.

Zu Beginn der Kolonisierung muss es für die Menschen schwer gewesen sein, sich an die lokalen Speisen zu gewöhnen. Maniok, Batate, Brot aus Maismehl, schwarze Bohnen und Sago fanden zunächst nur mit Widerwillen Einzug in den Speiseplan. Nach und nach fasste die heimische deutsche Küche wieder Fuß und alle schätzen auch heute noch Brathähnchen, Schweinebraten, Kartoffelpüree, Roggenbrot und Bier. Es gibt viele Restaurants, die sich auf die deutsche Küche spezialisiert haben.

Am schwierigsten war für die Nachkommen der Deutschen, die in Brasilien lebten, die Jahre während der beiden Weltkriege. Angst machte sich in der Kolonie breit. Der Unterricht in deutscher Sprache sowie alle deutschsprachigen Zeitungen waren verboten, auch waren Gottesdienste und Vereinssitzungen in deutscher Sprache nicht erlaubt und die Menschen durchlebten eine echte Identitätskrise. Das gesamte Vereinsleben kam vorübergehend zum Erliegen.

Heute, 60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg hat die deutsche Kultur ihren Platz in Rio Grande do Sul wieder eingenommen. Am 25. Juli 1999 wurde in dieser Region ein großes Fest mit zahlreichen gesellschaftlichen und kulturellen Aktivitäten anlässlich der 175 Jahre deutscher Einwanderung gefeiert. Mit vielen Feierlichkeiten ehrten zahlreiche Orte ihre Vorfahren getreu der Inschrift des Denkmals zur Hundertjahrfeier der deutschen Einwanderung in Sao Leopoldo: „Den Vätern zum Gedächtnis“.

Diese Mastershausener Bürger wanderten am 10. August 1846 nach Brasilien aus (Auszug aus dem Pfarrregister von Pfarrer Joh. Peter Becker): Diese Mastershausener wanderten laut Pfarrer Joh. Peter Becker am 23. April 1854 nach Brasilien aus:

Ausgewanderte Familie Hickmann/Rambo

Stammbaum von Hedwig Schug, geb. Rambo:

Die Schwester ihres Urgroßvaters väterlicherseits wanderte 1857 mit ihrer Familie nach Brasilien aus. Sie wohnten in Fuchse altem Haus (in der Schmied) in der heutigen Johann-Steffen-Straße.

Auswanderer:

12.06.1925 Rambo Johann Peter Schmied
Olbermann Katharina

*12.01.1808

+10.11.1875

Rambo Susanne

*?.1815

Rambo Johann Josef Schneider
*17.08.1847
+22.05.1930

Rambo Peter Schneider
*13.08.1888
+25.06.1948

Rambo Hedwig Margaretha
*12.06.1925

Arenz Maria Kath.
*12.03.1814
+12.01.1886

Hickmann Johann

*06.06.1815

Bickenbach

15.02 1840

Hickmann

- Johann Peter *20.01.1839

- Catharina *10.08.1843

- Peter Josef *06.06.1845

- Johann *09.02.1849

- Mathias *07.04.1854

- Anton *05.05.1856

 

Krötz Maria Kath.

*25.05.1844

+22.05.1917

Eisner Katharina

*12.11.1890

+17.04.1956

Schug Hermann Josef

*05.10.1924

+ 07.03.2005

20.01.1874

18.02.1922

15.10.1949

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Auszug aus dem Verzeichnis der Pfarrkinder der kath. Pfarrei Mastershausen, aufgenommen im Dezember 1855 vom damaligen Pfarrer Johann Peter Becker: Überlieferungen zufolge saß eines der Kinder auf dem vollbeladenen Wagen der Familie und rief bei der Abfahrt: ‚Mia welle noh Brasillie zehe, wo os die Schlange un die Affe greh.’

Im ‚St. Michaelsblatt’ erschien im Jahr 1957 folgender Artikel unter der Rubrik ‚Kolonieberichte’:
Familie Hickmann hundert Jahre in Brasilien

Am 29. Dezember 1957 veranstaltete die Familie Hickmann in Venancio Aires eine schlichte Gedenkfeier, um das erste Jahrhundert der Ankunft der Familie in Brasilien zu begehen. Im Jahre 1857 wanderte Johann Hickmann und seine Ehefrau Susanne Rambo Hickmann, Stammeltern der nunmehr über 1600 Nachkommen zählenden Familie, aus dem Dorf Mastershausen auf dem Hunsrück, Deutschland, nach Brasilien aus.

Der Königlich Preußische Reisepass für das Ausland von Mastershausen und Koblenz über Köln und Antwerpen trägt das Datum vom 14. März 1857 und wurde gegeben in Koblenz.

 

Johann Hickmann Das Visum auf dem brasilianischen Konsulat in Antwerpen wurde am 21. April 1857 gegeben.

Die Ankunft in Rio Grande do Sul war im Monat Juli desselben Jahres. Sie siedelten sich zuerst in Dona Josefa in Santa Cruz do Sul an. Später, im Jahre 1883, wanderte die Familie nach Venancio Aires und baute sich ihr Heim in Santa Emilia. Von hier aus verbreitete sich die Familie nicht nur in Rio Grande do Sul, sondern auch in Santa Catarina, Paraná und Argentinien.

Am 29. Dezember fand um 7 Uhr ein Dankgottesdienst in der Kapelle Nossa Senhora Aparecida in Linha Travessa statt, und um 9 Uhr in der Kapelle Nossa Senhora de Lourdes in Santa Emilia. Die Dankmesse wurde zelebriert von Cônego J. Alberto Hickmann. In der Predigt sprach er über die Dankbarkeit gegen Gott und über den Segen, den man durch die Beachtung des 4. Gebotes Gottes erwirbt, so wie Gott versprochen hat: „Ehre Vater und Mutter, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden.“ Dann führte er aus: „Dank und Ehrfurcht sind wir auch schuldig unseren Urahnen, die uns das große Gut des wahren Glaubens übermittelt haben. Johann Hickmann trug seinen Namen mit Ehren. Denn der Name Hickmann kommt vom altdeutschen Wort „Huickman“ und bedeutet soviel wie „Geistesmann“. Alle die ihn kannten, beschreiben ihn als einen tieffrommen Mann, der in allem zuerst das Reich Gottes suchte.

Er war bekannt als ein Beispiel von Schaffensfreudigkeit, von Pflichttreue, Bürgertugend, der Verständnis hatte für Kirche, Schule und Gemeinwesen. Auch sind wir ihm Dank schuldig, weil er uns das schöne Brasilien als Vaterland erkoren hat.“ (Er hatte zwei Brüder, die in Nordamerika wohnten, aber wegen der in Sao Salvador ansässigen Familie Rambo entschloss er sich, nach Brasilien zu kommen.)

Nach der Hl. Messe, im Schatten der geräumigen Schulkapelle von der Vorderen Santa Emilia, sprach Côn. Hickmann über die Geschichte der Familie in Brasilien. Schwer war der Anfang, hart die Arbeit, groß die Gefahren. (Urgroßvater wurde einmal sogar von einem Tiger angegriffen). Gott hat geholfen. Aus der Familie sind fünf Priester hervorgegangen: Der Retemptoristenmissionär P. Odillio Hackenhaar, die beiden Franziskaner P. Lucio und P. Pacifico Dupont, P. Bruno Kroth, Pfarrer von Campo Bom, und Côn. J. Alberto Hickmann, im Seminar von Arroio do Meio. Drei Nachkommen, Alvino Kroth, Hugo Hickmann und Edvino Royer sind Theologiestudenten. Letzterer studiert an der Universität von Rom.

 

Die älteste Enkeltochter von Joh. Hickmann, Laurinda Brixner, trat im Jahre 1888 ins Kloster der Franziskanerinnen ein. Ihr Klostername war Schw. Armela. Während 43 Jahren arbeitete sie als Oberköchin in der Santa Casa von Pôrto Alegre. Die jüngste Enkelin, Angela Hickmann, ist z.Z. als Mutter Alba die Provinzialoberin der Franziskanerinnen mit Sitz in Sao Leopoldo. Noch andere Schwestern aus der Familie befinden sich in derselben Kongregation, drei bei den Schwestern der Göttlichen Vorsehung, eine bei den Schw. Der Göttlichen Liebe und eine bei den Herz-Mariä-Schwestern.

Côn. Hickmann erzählte auch von dem Dorf Bickenbach auf dem Hunsrück, wo Urgroßvater Hickmann geboren ist. Dortselbst befinden sich noch Träger desselben Namens. Das Dorf wird schon 367 nach Christi Geburt erwähnt und ehrt den Hl. Stefan als Kirchenpatron.

Er erzählte auch von Mastershausen, Geburtsort der Urgroßmutter Susanna Rambo. Es soll das schönste, sauberste und sportlichste Dorf auf dem Hunsrück sein. Die Kirchenpatronin ist die Hl. Lucia. Der Redner erwähnte auch, dass man zur Zeit 27 Priester in Rio Grande de Sul zählt, die Nachkommen von Auswanderer aus dem Dorf Mastershausen sind, während in Deutschland zur Zeit nur ein Priester lebt, der aus dem Dorf gebürtig ist. (Das Hunsrücker Dialekt nach Mastershausener Weise gesprochen – jedes Dorf hat ja seine eigene Mundart – ist wohl das bekannteste in Rio Grande, gepflegt und bekannt durch die köstlichen Schriften von P. Balduin Rambo S. J.).

Der Schluss der Feier bestand aus einer Pilgerfahrt auf den alten Friedhof von Santa Emilia zu den Gräbern von Johann und Susanna Hickmann. Nach Einsegnung der Gräber, sprach C. Hickmann noch über die Genealogie der Familie in Brasilien. Gedacht wurde auch des kürzlich verstorbenen Mathias Hickmann, der sich sehr um die Jahrhundertfeier bemüht hatte, aber nicht mehr erlebte.

Die ganze Feier stand unter der Losung: Unsern Vätern zum Gedächtnis. Uns zur Lehre. Unserem Vaterland Brasilien zum Heil. Besonders aber Gott zur Ehre und zum Dank für die väterliche Führung, die Er der Familie in den hundert Jahren in Brasilien angedeihen ließ.

Pater Roja, Nachkomme von Johann Hickmann und Susanna Rambo, mit Katharina Rambo, der Schwester von Peter Rambo bei einem Besuch in Mastershausen um 1960 während seines Studiums in Rom.

Der Reisepass von Johann Hickmann enthielt unter anderem folgende Angaben:

1. Geburtsort: Bickenbach Johann Hickmann

2. Wohnort: Mastershausen Ackerer in Mastershausen

3. Jahr der Geburt: 1815 mit seiner

Tag der Geburt: 6. Juni der Ehefrau Susanna geb. Rambo

4. Größe: fünf Fuß drei Zoll mit seinen Kindern:

5. Haare: dunkelblond 1. Johann Peter geb. 20.Jan. 1839

6. Augenbrauen: braun 2. Katharina geb. 10. Aug. 1843

7. Augen: blau 3. Johann 9. Febr. 1849

8. Nase: klein und stumpf 4. Matthias 7. Apr. 1854

9. Mund: proportioniert 5. Anton 5. Mai 1856

10. Bart: blond

11. Gesicht: rund

12. Statur: mittlere

13. Besondere Kennzeichen: keine

Reise: von Mastershausen über Coblenz, Coeln und Antwerpen nach Rio Grande do

Sul in Brasilien,

Reisezweck: Auswanderung

Durch Attest des Bürgermeisters Andres zu Blankenrath. Als unverdächtig legitimiert ist, frei und ungehindert zu reisen und zurückzureisen, auch nöthigenfalls, ihm Schutz und Beistand angedeihen zu lassen.
Gegeben Coblenz, den dreiundzwanzigsten Maerz 1800siebenundfünfzig

Priester in Rio Grande do Sul, die Nachkommen von Mastershausener Auswanderern sind (ca. 1965)

1. Mons. Leopoldo Hoff

2. Côn. Albino Juchem3. Côn. Reinoldo Juchem (Schwarz Hawis)
4. Côn. Edmundo Rambo +

5. Côn. J. Alberto Hickmann, Palanque – Venâncio Aires

6. Pe. Balduino Rambo S.J. +

7. Pe. Pedro B. Rambo S.J. +

8. Pe. Luiz Rambo S.J. +

9. Pe. Germano Rambo +

10. Pe. Eugênio Luft

11. Pe. Ignacio Rambo S.J. +

12. Pe. Roberto Rambo S.J. +

13. Pe. Bruno Kroth, Weltpriester, Pfarrer in Campo Bom (Mutter: Hickmann)

14. Pe. Lúcio Dupont O.F.M., Franziskaner, Pfarrer in Ernestina in Passo Fundo

(Hickmann)

15. Pe. Pacífico Dupont O.F.M., Franziskaner, Missionär auf der Insel Flores,

Indonesien (Hickmann)

16. Pe. Odilo Hackenhaar C.SS.R., Retemptorist (Mutter: Hickmann)

17. Pe. Jeronimo Martini (Rambo) +

18. Pe. Alfredo Hoff

19. Pe. Aloísio Martini (Rambo)

20. Pe. Luiz Weber (Ritter)

21. Pe. Otmar Linn S.J. (Rambo) Missionar in Mato Grosso (Indianer)

22. Fr. Egon Linn S.J. (Rambo) Missionar

23. Pe. Theobaldo Hoff

24. Pe. Fernando Steffen

25. Pe. Ignacio Steffen S.J.

26. Pe. Libino Steffen S.J.

27. Pe. Waldormiro Steffen S.J. (Wunibaldo)

28. Pe. Edvino Royer, Pfarrer in S. Carlos, Porto Alegre

29. Diac. Alvino Kroth, Priester in Camaqua, (Mutter: Hickmann)

30. Stud. Theol. Edvino Royer (Hickmann) studiert an Universität zu Rom.

31. Stud. Theol. Hugo Hickmann

Auf der Rückseite des Fotos steht:

C. Frao Alberto Hickmann als er noch

jung war und noch kein Brillenträger

Diese Priester könnten dem Namen nach auch Nachkommen von Mastershausenern

sein, ist aber nicht mit Gewissheit zu sagen:

- Pe. Jomo Ritter

- Côn. Joao Hofmann

- Pe. Luiz Hofmann

In Brasilien haben alle Priester, ob Weltpriester oder Ordenspriester, den Titel

Padre = Pater

Mont. = Monsignore = Prälat

Côn. = Cônego = Domherr

Aus der Familie Hickmann-Rambo sind in Brasilien hervorgegangen:

5 Priester, 8 Schwestern, 9 Lehrer bzw. Lehrerinnen, gute Handwerker, Geschäftsleute; die Mehrzahl sind Bauern auf eigenem Land. Alle haben sich bis jetzt den katholischen Glauben bewahrt.

Die Diözesen von Riu Grande do Sul.

Aufbruch nach Nordamerika

Während ein Großteil der Ausreisewilligen sich auf die lange und beschwerliche Reise nach Brasilien machte, wählten andere Nordamerika als lohnenswertes Ziel um Elend und Hunger in Deutschland zu entkommen. Verlockend waren die Versprechungen der Werbeagenten und auch Berichte von Bekannten, die bereits den Schritt getan hatten und Fuß in Nordamerika gefasst hatten. Während die deutschen Behörden versuchten die Auswanderungswelle zu stoppen, nutzten viele Gemeinden die Gelegenheit ihre von Armenhilfe abhängigen oder straffällig gewordenen Bürger abzuschieben und übernahmen die Transportkosten. Der Andrang der Auswanderer in den Häfen war so groß, dass nach einiger Zeit regelmäßige Verbindungen von vielen deutschen und englischen Hafenstädten nach New York eingerichtet wurden.

Anfangs wurden die Menschen auf Frachtschiffen transportiert, die für eine Personenbeförderung nicht eingerichtet waren. Dementsprechend waren auch die Platzsituation, die hygienischen Verhältnisse und die Versorgung. Während auf einer Fahrt Erzeugnisse aus Süd- oder Nordamerika nach Europa transportiert wurden, die für den Handel bestimmt waren, wurden auf der Rückfahrt für den Transport der Menschen Zwischendecks eingezogen, um möglichst viele unterzubringen. Ansonsten wurde auf den Schiffen nichts verändert und die Überfahrt war ein strapaziöses und gefährliches Unternehmen.

Bevor die Schiffe mit den Auswanderern im Hafen von New York anlegen durften, wurden die Menschen erst einer eingehenden gesundheitlichen Überprüfung unterzogen. In New York wurden sie gleich von Agenten empfangen, welche die Neuangekommenen zu Agenturen führen sollten, um die Weiterfahrt ins Landesinnere zu organisieren. Diese Vermittlungen waren nicht uneigennützlicher Art, vielmehr ließ sich mit den Menschen, die ohne Sprach- und Ortskenntnisse in ein fremdes Land kamen viel Geld verdienen. So warnten die Deutschen und amerikanischen Behörden vor diesen Betrügern. Nachdem die Behörden dies erkannten, setzten sie zur Beratung und Hilfestellung eine staatliche Kommission ein, die ihre Dienste unentgeltlich anbot.

 

Von New York aus ging es auf einer oft monatelang dauernden strapaziösen Reise ins Landesinnere. Viele Einwanderer zogen nach Wisconsin, weil die Regierung dort riesige Ländereien billig als Farmland verkaufte. Andere blieben in den Städten und wollten sich in der dortigen Industrie Arbeit suchen.

Auch Familien aus Mastershausen unternahmen dieses Wagnis und suchten in Nordamerika eine neue Heimat. Da die Kontakte mit den meisten Auswanderern im Laufe der Zeit und mit dem Generationenwechsel mit den Zuhausegebliebenen, die sich ja lediglich auf Briefeschreiben beschränkten, weniger wurden und meist verloren gingen, sind nur noch wenige Dokumente auffindbar.

Im Jahr 1857 wanderte Anton Hermes (Vorfahr von Johann Wanger) nach Illinois in Nordamerika aus. Die Brüder Johann-Peter und Georg folgten ihm höchstwahrscheinlich einige Jahre später. Sie hielten lange Jahre brieflichen Kontakt mit ihrer Mastershausener Verwandtschaft

 

Diese Mastershausener wanderten am 3. April 1852 nach Nordamerika aus (Auszug aus dem Pfarrregister von Pfarrer Joh. Peter Becker):

Ausgewanderte Söhne der Familie Hermes:

Stammbaum von Johann Wanger:

Vermutlich drei Brüder seiner Großmutter mütterlicherseits wanderten nach Illinois, USA aus. Die Familie Wanger wohnte im alten Wanjasch-Haus, heute Reitweg 29.

Anton Hermes wanderte im März 1857 aus. Die Auswanderungsdaten der Brüder Georg und Johann Peter sind nicht bekannt.

 

 Auswanderer:

 

12.06.1925

Auszug aus dem Verzeichnis der Pfarrkinder der kath. Pfarrei Mastershausen, aufgenommen im Dezember 1855 vom damaligen Pfarrer Johann Peter Becker:

Hermes

Anton

*1831?

Wanger

Peter Josef

Schneider

*1841

+17.04.1917

Wanger

Josef

Landwirt

*11.04.1885

+25.02.1932

Wanger

Johann

*19.02.1922

Hermes

Georg

*29.06.1848

+24.04.1926

Hermes

Anna Maria

*29.06.1848

+28.09.1925

Holl

Katharina

*29.09.1896

+25.01.1977

Thomas

Maria

*30.12.1924

Okt.

1874

19.11

1920

09.05

1951

Hermes

Johann Georg

Landwirt

*1780

+1854

Meurer

Gertruda

*1807

+1884 oder 89

?

Hermes

Joh. Peter

*1839?

 

Einer der Brüder schreibt im Jahr 1875 (auszugsweise):

Vielgeliebte Schwester und Schwager, ...so will ich jetzt auch ein paar Zeilen schreiben. Nämlich dass wir noch alle frisch und gesund, was wir hoffen, dass ihr auch alle seid. Besonders dir, alte Mutter. Wir haben am 26. August einen jungen Sohn bekommen. Er heißt Georg. Er ist bald 6 Monate alt und ist gesund und stark. Wir haben ein schlechtes Jahr. Die Früchte sind billig und die Schweine sind fast gar nichts wert. Das sind 3 Jahre. Wir haben alles genug. ...

Du hast geschrieben, du hättest viel Arbeit auf der Schneider und meine Schwester tut die Arbeit in dem Feld. Es ist doch ziemlich schwer für die Frau. Hier ist das ganz anders im Land. Hier hat man das Haus auf dem Land, wo man über das ganze Land kann sehen. Hier ist die Schneiderei auch ein gutes Geschäft. Die Mädchen beim Schneider bekommen für ein Jahr einen Taler pro Woche. Der Lohn ist immer ziemlich hoch gewesen. Ich denke, er wird das nächste Jahr nach unten gehen. Ich habe meinem Knecht 18 Taler bezahlt für neun Monate. Lebe wohl.

Im November 1911 schreibt eine Schwägerin (vermutlich die Witwe von Anton Hermes) von Anna Maria Wanger, geb. Hermes (auszugsweise):

Liebe Schwägerin und Familie, da es schon eine Weile her ist, dass wir deinen Brief erhalten und dass ihr alle gesund seid. Was wir bisher Gott sei Dank noch sind. Liebe Schwägerin, ich danke auch vielmals, dass ihr den Brief an meine Verwandten geschickt habt. Ich habe letzten Monat einen schönen Brief von einem erhalten und sie haben mir alles geschrieben, wie es in Mannebach ist und haben alle mit Namen genannt. Sie schreiben, sie täten denken, ich könnte mich erinnern, wenn sie die Namen nennen täten. Es war ein großer Brief. 20 Seiten voll. Wie war es diesen Sommer bei euch? Hier war es so heiß, dass wir es nicht fast aushalten konnten.... Weizen und Hafer und das Welschkorn ist so schön. Sie sagen, dass sie 60 Büschel zum Acker geben tät. Weizen 15 Büschel zum Acker und bringt 85 Cent pro Büschel und Hafer den Büschel 45 Cent. So viel Obst habe ich schon lange Jahre nicht gesehen, aber Kartoffeln sind nicht gut. Und der Fisch ist auch ziemlich teuer.

 

Schwägerin, ihr wollt wissen, was Schwager Peter tut? Er ist in Fribort. Bei seiner jüngsten Tochter sind jetzt alle gesund. Sie waren vor paar Wochen hier auf Besuch. Es waren jetzt 3 von seinen Kindern hier in Sterling und Schwager Georg ist 10 Meilen von hier und ist gesund. Susanna Hermes war auch letzt noch hier. Sie sagt, sie hätte einen Brief von Mr. Reiter auf in Ewigkeit. Gott gebe ihm die gewünschte Ruh. Anton hat so viel von ihm gesagt. Er ist ihm schnell gefolgt. Ich hoffe, dass sie jetzt beieinander sind. Susanna ist auch gesund und sie sagt, ich sollte auch grüßen, wenn ich schreiben tät. Sie hat mir die Adresse geschrieben. Ihr schreibt, wir sollen auf Besuch kommen. Aber das ist nicht möglich, denn der Weg ist zu weit. Wenn es in Amerika wäre, könnte es möglich sein. Ich und eins von den Mädchen gehen nächste Woche zu meiner Schwester. Sie war als Anton beerdigt war hier und ihr Mann mit Tochter. Unser ältester Sohn die haben eine kleine Tochter. Er hat jetzt 5 Kinder, 4 Mädgen und einen Sohn. Der 2. Sohn hat 3 Kinder, 3 Buben und 1 Mädgen. Und auch der 3. hat 2 Kinder. Einen Sohn und ein Mädgen. Der 4. hat 2 Kinder, einen Sohn und ein Mädgen.

1926 schrieb Mrs. Willis Fry (vermutlich eine Tochter oder Enkelin von Joh. Peter Hermes) mehrmals, allerdings schon in englischer Sprache. Sie war zu diesem Zeitpunkt etwa 49 Jahre alt. Aus den Briefen ist folgendes zu erfahren:

- Sie hätte sechs Schwestern und einen Bruder, die alle verheiratet wären.

- Sie sei Miteigentümerin eines großen Kaufhauses, des ‚Lee County Home’ in der Stadt Dixon, Illinois

- Ihr Onkel Antony (Anton) hätte eine große Familie, vier Söhne und drei Töchter. Die beiden jüngsten Mädchen wären Zwillinge. Alle Söhne besäßen große Farmen, einer von ihnen hätte seine Farm verpachtet und wohne in der Stadt.

- Onkel George (Georg) wäre am 14. April 1926 nach schwerer Krankheit verstorben.

- Ein weiteres Mitglied der Familie, ein Mathias Hermes war mit Frau und Kindern nach Nordamerika ausgewandert. Wie diese Familie mit den Brüdern Hermes verwandt war ist nicht bekannt.

Die Adresse von Anton Hermes in Amerika lautete: Im Jahr 1926, kurz vor seinem Tod, übereignete Georg Hermes seinem Neffen Johann Wanger das Land, welches er noch in der Gemarkung Mastershausen besaß. Der kinderlos verheiratete Johann Wanger war der ältere Bruder von Josef Wanger, dem Vater von dem heute noch im Reitweg 45 wohnenden Johann Wanger. Der Wert des Grundstücks betrug damals etwa 200 Mark.

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