Masdascher Flüchtdlingshilfe informiert (8)

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Masdascher Flüchtdlingshilfe informiert (8)

Es sind nun schon zwei Jahre, die die „Masdascher Flüchtlingshilfe“ existiert. Am 21. August 2014 haben eine Handvoll Leute aus dem Dorf diesen (nicht eingetragenen) Verein gegründet. Und am 21. August dieses Jahres wollen wir nun den Jahrestag mit einem kleinen Fest feiern. Damals, im Sommer 2014, gab es noch fast keine Flüchtlinge in Deutschland. Aber es gab schon den Krieg in Syrien. Und es gab Syrer, die in die Türkei flohen und solche, die bereits über das Mittelmeer kamen. Und wir rechneten uns aus, dass es nicht mehr lange dauern werde, bis diese Flüchtlinge auch bei uns auftauchen würden. Und im November 2014 war es dann so weit: Die ersten Asylsuchenden zogen in die Alte Mädchenschule in Mastershausen ein. Die große Politik tat dann noch ein Jahr später so, als hätte man ja wirklich nicht ahnen können, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen würden. So waren wir der Zeit voraus.
Wenn wir uns an die ersten Flüchtlinge, die man uns zugewiesen hatte, erinnern, dann sind wir uns dessen bewusst, dass wir wirklich viel Glück mit diesen Menschen gehabt haben. Es hätte ja auch anders kommen können. Flüchtlinge sind keine Engel. Aber die beiden ersten Bewohner der „Alten Mädchenschule“ waren wohlerzogene Syrer aus gutem Hause, die inzwischen in Kastellaun wohnen, den Integrationskurs abgeschlossen haben und inzwischen schon nach beruflichen Möglichkeiten Ausschau halten. Aber die Stimmung war vor zwei Jahren auch noch eine andere. Die Leute im Dorf reagierten sehr wohlwollend auf die Fremden. Immer wieder wurden wir gefragt, was man denn für sie tun könne. Und mancher Kuchen wurde gebacken, um die Flüchtlinge zu erfreuen.
Inzwischen ist die Stimmung im Lande gekippt. Hinter jedem Flüchtling könnte ein Terrorist stecken, wird gemunkelt. Und die AfD fragt, was denn aus dem „christlichen Abendland“, werden soll, wenn immer mehr Moslems hier leben? Und überhaupt, so hört man landauflandab, seien es viel zu viele, die da gekommen sind. Anders als die Kanzlerin denken viele: das schaffen wir nicht! Dabei haben wir schon ganz andere Flüchtlingswellen hinter uns mit viel höheren Einwanderungszahlen. So kamen nach dem 2. Weltkrieg mehr als 12,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches in die Bundesrepublik und in die DDR. Und wenig bekannt ist, dass schon zwischen 1949 und 1990 4,5 Millionen Menschen aus der DDR in den Westen abgewandert sind. Zwischen 1991 und 2013 sind dann nochmal 3,3 Millionen Menschen aus den neuen Ländern (ohne Berlin) „rübergemacht“ in den Westen. Das sind zusammen schon fast 20 Millionen Menschen, gut,  alles Deutsche, alles Weiße, keine Moslems, aber doch alles Migranten.
In den 50er und 60er Jahren kamen dann aber 14 Millionen Gastarbeiter aus vielen verschiedenen Ländern der Welt nach Deutschland. Davon gingen zwar Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre ca. elf  Millionen zurück in ihre Heimatländer. Aber heute leben zum Beispiel noch etwa drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland, außerdem 1,5 Millionen Menschen mit türkischem Pass. Zudem sind bis zum Jahre 1990 fast 4,5 Millionen Spät-Aussiedler (einschließlich ihrer Familienangehörigen) nach Deutschland eingewandert (diesmal auf Einladung von Helmut Kohl). Seitdem wird auch Russisch gesprochen in Deutschland.  Und Anfang der 90er Jahre kamen dann noch etwa 350.000 Bürgerkriegsflüchtlinge aus den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens nach Deutschland. Die 200.000 jüdischen Zuwanderer, die von 1990 bis 2012 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, kamen, sogenannte Kontingentflüchtlinge, fallen schon gar nichts mehr ins Gewicht.
All diese Millionen von Zuwanderern haben wir verkraftet. Aber die eine Million von Asylsuchenden des letzten Jahres – das bringt, so meinen manche,  Deutschland an den Rand des Abgrunds, zumal die meisten weder weißhäutig noch christlich sind. Und so haben jetzt schon wieder die Schwarzmaler, die Hassschürer, auch die Rassisten Oberwasser. Pegida und AfD haben das politische Klima vergiftet. Die Folge: Die rechte Gewalt nimmt drastisch zu. Die Zahl der rechtsmotivierten Straftaten hat laut Polizeistatistik einen neuen Höchststand erreicht: Im vergangenen Jahr waren es 22.960 solcher Delikte – fast 35 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Was früher die Juden waren, das sind jetzt die Flüchtlinge.

Menschenkette
Vielleicht sollte ich als Gegenbeispiel aus unserem Dorf einen unserer Eritreer erwähnen. Er ist aus Eritrea geflohen, weil er dort bedroht worden ist. Er sollte als Bankangestellter die Konten reicher Exileritreer ausspähen und dem Geheimdienst melden. Als er das ablehnte, warf man ihn in’s Gefängnis. Als er nach einem Jahr wieder rauskam, floh er. Er ist Moslem. Er liest den Koran auch heute noch täglich. Aber er liest auch die Bibel. Und er zitiert oft daraus Verse, die ihm gefallen. Insbesondere sind es Texte aus dem Neuen Testament, in denen es um das Erbarmen Gottes geht, um die Liebe. Das, sagt er, ist auch das Zentrum des islamischen Glaubens: Das Erbarmen Gottes. Er sieht alle Christen als seine Brüder an. Er hat keine Probleme damit, an Weihnachten in Mastershausen in der katholischen Kirche zu sitzen. Er und die anderen Eritreer haben uns, die Betreuer, am Heiligen Abend in der Alten Mädchenschule zu einem Festessen eingeladen. Wir mögen ihn, diesen moslemischen Mann. Wir mögen auch die anderen Eritreer, die übrigens alle Christen sind.
Die Welt ändert sich. Das war schon immer so. Während vieler Jahrzehnte konnten wir aus sicherer Entfernung die Kriege, die es in der Welt gab, im Fernsehen verfolgen. Jetzt stehen die Opfer dieser Kriege auf einmal vor unserer Tür. Damit haben wir nicht gerechnet. Dabei haben wir, das heißt der Westen, oft viel dazu beigetragen, dass es diese Kriege gibt. Ohne den Feldzug Bushs gegen den Irak wäre der Nahe Osten nicht so destabilisiert, wie er es heute ist. Ohne unsere Wirtschaftspolitik gegenüber Afrika wären die Zustände in vielen Ländern dieses Kontinents nicht so desaströs, wie sie es sind. Aber die schuldlos Hungernden, die Kranken, die Chancenlosen in so vielen Ländern der Erde haben uns nicht um den Schlaf gebracht, solange sie in ihren Ländern geblieben und fern von uns gestorben sind. Erst jetzt wachen wir auf, wo einige von ihnen versuchen, ihr nacktes Leben zu retten und in unserem Lande Schutz suchen. Jetzt erweist es sich, ob wir „christliches Abendland“ sind oder ob der jahrzehntelange Kirchgang an uns spurlos vorübergegangen ist. Zeigen wir das Erbarmen mit dem Schwachen, dem Armen, dem Kranken, das im Mittelpunkt der Ethik des Christentums steht?

Ayan und Yahyah mit Ingrid
Wir sind manchmal erstaunt, wenn man im Dorf mit Blick auf uns Helfer sagt: „Die kümmern sich schon darum!“ „Die“, damit sind wir gemeint, gerade mal ein Dutzend Leute, die wir nun schon seit zwei Jahren die Asylsuchenden, die unter und mit uns hier im Dorf leben, betreuen. Das Dorf scheint sich daran gewöhnt zu haben, dass es „die da“ gibt, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Aber natürlich brauchen wir neue Mitarbeiter. Wir brauchen jede Hand. Was wir brauchen sind Menschen, die mit unseren Schützlingen zum Arzt nach Kastellaun oder zur Ausländerbehörde nach Simmern fahren. Wir brauchen Helfer, die die Briefe lesen, die unsere Leute bekommen, und die sie in Absprache mit den Betroffenen beantworten. Wir könnten junge Mütter brauchen, die zusammen mit der Somalierin und ihrem Baby spazieren gehen. Wir könnten handwerklich begabte Mitmenschen brauchen, die im Haus mal nach dem Rechten sehen; irgendetwas ist immer kaputt. Wir könnten Menschen brauchen, die die Asylsuchenden zu sich einladen, ihnen zeigen, wie wir in Deutschland leben, die zum Beispiel mit ihnen kochen, oder die sie mitnehmen zu Veranstaltungen, zum Beispiel zum Fußball, oder die mit ihnen Wanderungen machen oder Ausflüge – unsere Leute wissen gar nicht, wo sie hier leben. Aber es gibt sicher noch viele andere Möglichkeiten zu helfen. Die Rentner sind hier besonders gefragt, denn sie haben Zeit, oft mehr als ihnen lieb ist.  Wie wäre es mit Ihnen? Wir brauchen auch Ablösung. Denn es können und sollen nicht immer dieselben sein, die den Asylsuchenden im Dorf helfen.
Dabei ist die Hilfe für die Flüchtlinge nicht nur eine aufopferungsreiche Tätigkeit, bei der wir unsere eigenen Interessen hintan stellen müssten. Der Umgang mit den Männern und Frauen aus fernen Ländern ist auch befriedigend. Es ist interessant, fremde Kulturen kennen zu lernen, andere Verhaltensweisen und Gewohnheiten, von denen wir oft sogar etwas lernen können. Es ist schön, die Fortschritte mitzuerleben, die die einzelnen Bewohner machen. Wenn wir das unbeschwerte Lachen von Menschen hören, die wenige Monate zuvor noch mit versteinerten Mienen bei uns angekommen sind, dann ist das ein schöner Lohn für unsere Mühe. Wer immer schon mal nach Syrien, Eritrea oder Somalia fahren wollte, der kann sich die Reisekosten sparen. Menschen aus diesen Ländern sind zu uns gekommen, sie wohnen neben uns, sie freuen sich über jeden Kontakt mit Einheimischen.
Und das sind die gegenwärtigen ehrenamtlichen Helfer: Angelika & Karl Thomas, Ingrid Gastdorf, Josef Peil, Steffi Kraus, Petra & Rainer Christ, Anke Mähser, Hans Maldaner, Jutta & August Dahl (Bell), Elke & Michael Haberkamp sowie einige weitere gelegentliche Unterstützer.
Zwei Jahre „Masdascher Flüchtlingshilfe“ – ein Grund zum Feiern? Ja, ein Grund zum Feiern!

ViSdP: Michael Haberkamp, Ruf 06545 – 6778

2017-06-13T08:32:15+01:00 Mai 5th, 2016|